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Von goldenen Zahlen und Bauernfängern

ich freue mich stets über Kommentare, insbesondere wenn ich Dank dieser auf etwas stoße, auf das ich ansonsten nicht gestoßen wäre. Konkret ging es um die Frage von Max, ob ich den Wachstumsfinder um eine Fair-Value-Spalte erweitern könne. Für die Ermittlung des Fair-Value wurden mir von Max freundlicherweise gleich zwei Links mit Beispielen zur Verfügung gestellt:

aktienkaufen.com

fair-value-calculator.com

Beide Seiten nutzen die Fair-Value-Formel von Benjamin Graham. Ein großer Name, der für die Seriosität der Formel spricht.

Das Versprechen ...

Zitat:

Die gute Nachricht: Es geht auch besser [als zukünftige Unternehmensgewinne zu schätzen - Anmerkung des Redakteurs]! Mit der Formel zur vereinfachten Berechnung des inneren Wertes nach Benjamin Graham: Warren Buffett hat die Formel, mit der er rechnet, nie veröffentlicht. Es ist aber kein Geheimnis, dass er sich auf Benjamin Graham beruft. Um auf diese Weise den inneren Wert berechnen zu können, benötigen Sie zwei Angaben:

  • Aktueller Gewinn/Aktie
  • Wachstum

Quelle

Also auf Finanzen.net oder eine andere Finanzseite des Vertrauens gewechselt, rasch die Daten ermittelt und schwuppdiewupp ist der faire Wert des Unternehmens bekannt. So einfach kann Unternehmensbewertung sein. Schon erkennen wir unterbewertete Unternehmen und sind dem Markt voraus.

... kritisch hinterfragt

Die Formel lautet übrigens so:

Fair Value = Current (Normal) Earnings x (8.5 + 2 *expected annual growth rate)

Wenn ich die Formel so sehe, so stellen sich mir ein paar Fragen:

  • Welche Earnings sind denn "normal"? Der verwässerte, der unverwässerte oder der bereinigte Gewinn?
  • Wie bestimmt sich das KGV von 8.5 für "None-Growth-Aktien"?
  • Warum wird das erwartete Wachstum verdoppelt? Warum nicht mit 1.5 oder 2.5 multipliziert?
  • Was habe ich unter dem erwarteten Wachstum zu verstehen? Umsatz, Gewinn? Für welche Periode, gewichtet, etc.?
  • Für welche Aktien lässt sich ein erwartetes Wachstum seriös schätzen? Greife ich hierfür auf Schätzungen der Zukunft oder auf die Vergangenheit zurück und schreibe diese fort?

Auf diese Fragen geht keine der beiden Seiten hinreichend ein. Hauptsache die Formel spuckt einen Wert aus. Entsprechend nimmt z.B. die eine Seite den Gewinn und die andere den Umsatz für die Ermittlung des erwarteten Wachstums, was selbstredend einen großen Unterschied im Ergebnis macht.

Aus Interesse habe ich die im Wachstumsfinder enthaltenen Aktien mit einer konstanten Gewinnentwicklung genommen (Korrelation über 5 und 10 Jahren von mind. 0.8) und deren Fair Value basierend auf dem 5- und 10-Jahresdurchschnitt des bereinigten Gewinns ausgerechnet.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Zunächst einmal weichen die ermittelten Fair-Value extrem stark voneinander ab, je nachdem, von wie vielen Jahren der Vergangenheit man die Zukunft ableitet. Und das, obwohl ich bereits auf Unternehmen eingeschränkt habe, die eine recht konstante Gewinnentwicklung aufweisen. Auch scheint es ein reines Glücksspiel zu sein, ob der tatsächliche Kurs sich irgendwo in der Nähe eines der beiden Fair-Values befindet oder 2, 3, 4 ... Mal höher oder niedriger ausfällt.

Mit anderen Worten: einem Plausibilitätscheck durch einfache Sichtprüfung hält die Formel nicht stand. Wer das Ergebnis mit eigenen Augen bewundern will, der darf sich das Excelsheet am Ende dieses Artikels gerne herunterladen, wobei ich betone, dass ich mich von den berechneten Werten ausdrücklich distanziere.

Die Bedeutung(-slosigkeit) des Fair-Value

Darüber hinaus ist speziell der Fair-Value für den langfristig handelnden Wachstumsstrategen nutzlos. Denn dem Wachstumsstrategen geht es um den Kauf von Qualitätsunternehmen, deren Gewinne und Dividendenausschüttungen im Laufe der Jahre voraussichtlich steigen werden. Der Fair-Value ist dann wichtig, wenn es darum geht, unterbewertete Unternehmen aufzuspüren und diese dann wieder zu verkaufen, sobald der faire Wert erreicht ist. Mit dieser Strategie erfolgreich zu sein, ist anspruchsvoll, denn das Ziel ist, eine Unterbewertung zu erkennen, bevor der Markt diese erkennt. Nun glaubt hoffentlich niemand, mit Hilfe einer lapidaren, überall zugänglichen Formel, deren Parameter er vielleicht noch nicht einmal kennt - geschweige denn versteht, dem Markt voraus zu sein.

Bauernfänger

Wenn ich mir den Zweck der Seiten so anschaue, so geht es bei der einen ganz offensichtlich um das (eigene) Geldverdienen mittels Affiliate-Marketing & Co und bei der anderen Seite tatsächlich "nur" um die Berechnung des Fair-Value, wobei ich es wirklich faszinierend finde, wie man um eine so simple Formel - die sich innerhalb von Sekunden in Excel klopfen lässt - eine eigene Berechnungsseite mit Unterseiten aufziehen kann. Wahrscheinlich steht aber auch da ein Geschäftsmodel dahinter, denn wie eine private Spassseite sieht mir die Webseite nicht aus.

Jetzt habe ich nichts dagegen, wenn man mit produziertem Mehrwert Geld verdient. Hier wird allerdings der Wunsch des Anlegers ausgenutzt, mit einfachen Mitteln eine "goldende Zahl" zu erhalten, die aussagt, ob eine Aktie über- oder unterbewertet ist. Da der Mensch nun einmal zu einfachen Antworten auf komplexe Fragen neigt, und im Namen von "Benjamin Graham und Warren Buffet" auch Seriosität vorgegaukelt wird, ist davon auszugehen, dass diese billige Masche inbesondere bei unerfahrenen Anlegern zieht.

Der Wachstumfinder

Die "goldenen Zahlen" sind eine Gefahr für den Anleger, weil sie etwas versprechen, dass sie nicht halten. Aus diesem Grund hat der Wachstumsfinder - obwohl es technisch ein Klacks wäre - auch kein Rating und wird er niemals einen Fair-Value - jedenfalls nicht auf Basis dieser Formel - erhalten.

Als Aktienscreener kann der Wachstumfinder "nur" helfen, eine Vorauswahl von Aktien zu treffen, die man sich vor dem Investment näher anzuschauen hat. Wenn man dies tut, kann man bei Bedarf gerne den Fair-Value selbst bestimmen - obwohl der Wachstumsstratege diesen nicht wirklich braucht - und ein Ranking bilden. Denn dann beschäftigt man sich selbst mit der Materie, entscheidet sich entsprechend seiner Präferenzen selbst für bestimmte Parameter und handelt schließlich danach. Wer sich dagegen "goldenen Zahlen" anvertraut, der vertraut auf fragwürdige Methoden und fliegt blind. Solche Anleger bekommen bei der ersten Kurskorrektur kalte Füße und steigen gleich wieder aus, bevor die Kurse irgendwann wieder anziehen und im schlimmsten Fall das ganze Spiel erneut beginnt.

Und wer keine Lust hast, sich etwas tiefer mit der jeweiligen Aktie zu beschäftigen, der sollte sein Investment in Einzelaktien hinterfragen und stattdessen vielleicht ETFs vorziehen.

P.S.: Übrigens hat Benjamin Graham in seinem Wert "The intelligent investor" selbst geschrieben, dass die Fair-Value-Formel lediglich zur Anschauung dient und nur eine ungefähre Näherung an den "True Value" darstellt, der mit ausgereifteren Methoden gefunden werden muss. Siehe hier.

FairValueTest basierend auf der verwässerten Gewinnsteigerung

20161125_FairValue.xlsx (43,5 KiB)

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Kommentar von Mein Geldanlage Vergleich |

Hallo Thorsten,

von der Fair-Value-Kennzahl hatte ich bis jetzt noch nicht gehört. Daher habe ich deinen Artikel mit Interesse gelesen. Ich habe nach dem lesen festgestellt, dass es auch nicht so schlimm gewesen ist diese Kennzahl nicht zu kennen :)
Ich bin derselben Meinung wie du und denke, dass diese Kennzahl alleine nicht zu gebrauchen ist. Man kann sie höchstens gebrauchen um ein bisschen zu experimentieren. Um gute Aktien zu finden sind für mich die Kennzahlen KGV, Ebit-Marge, Eigenkapitalquote und Eigenkapitalrendite viel wichtiger. Mit deren Hilfe erkennt man recht schnell ob es sich um ein solides Unternehmen handelt oder nicht.
Dazu kommt dann noch der Menschenverstand und Geduld und schon kann man recht einfach an der Börse erfolgreich sein.

Gruß Klaus-Dieter

Antwort von Torsten

Hallo Klaus-Dieter,

der Fair-Value ist an sich schon bekannt und - falls ein Fachmann den ausrechnet - als Endergebnis einer komplexen Analyse auch entscheidungsrelevant. In die Berechnung fließen dann sicherlich auch die ein andere von dir genannte Kennzahl ein.

Wir - jedenfalls ich und viele von denen, die angeblich Value Investing betreiben - können das aber nicht. Deshalb muss es uns reichen, anhand der Kennzahlen einfach "nur" festzustellen, dass es sich um ein gesundes Unternehmen mit Zukunft handelt, also einen Wachstumswert. Und nach dem Kaufen lassen wir dann einfach die Zeit für uns arbeiten, woraus genau das folgt, was du geschrieben hast: man kann an der Börse recht einfach erfolgreich sein.

Gruß,

Torsten

Kommentar von EasyWISA |

Hallo Torsten,
schöner Beitrag. Ich denke auch, dass die Autoren der Webseiten es sich teilweise zu einfach gemacht hat und dass Anfänger ggf. dazu verleitet werden, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Man muss sich einfach im Klaren darüber sein, dass es nicht 'die' Formel zur Bestimmung des inneren Wertes gibt, sondern viele Formeln, die den Wert dann aber auch nur bereichsweise festlegen. Dort kommt dann 'Margin of Safety' ins Spiel...

Antwort von Torsten

Hallo EasyWISA,

danke für dein Feedback. Ich überlege mir stets zwei mal, ob ich etwas negatives über das Werk anderer schreiben soll, weil das leicht nach hinten los gehen kann. Aber es soll ja anderen helfen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen und nicht blindlings ihr Geld fragwürdigen Methoden anzuvertrauen.

Gruß,

Torsten